Führung in Zeiten der Digitalisierung: Was wird denn nun eigentlich anders?

Ein Netzwerk ist nicht die Summe der Kontakte, die sich im Laufe der Jahre ins Adressbuch einfinden, denn eine überschaubare Anzahl von Köpfen, denen man Vertrauen entgegen bringt, die inspirieren, motivieren und auf die man stets zugehen kann, wenn man Fragen hat, nicht mehr weiter weiß und – soviel zum Thema „Geben und nehmen“ – die man selbst gerne wachsen sehen möchte.

In diesem Sinne gehört Dr. Volker Serfling unbedingt zu unserem Netzwerk management meetings mit dazu.

Als promovierter Physiker und in seiner Funktion als Global IT Director bei der Deutschen Post / DHL stieß er vor vielen Jahren zu unserem originär HR-lastigen Netzwerk in Frankfurt hinzu, seine Neugierde und Begeisterung für Führungsthemen mit einbringend und stellte sich alsbald selbst als Impulsredner zur Verfügung. Seine Motivation dafür höre ich noch heute: „Frau Zumpe, wir, die Führungskräfte müssen den Change vorleben. Das kann HR alleine nicht. Da müssen wir uns selbst an die Nase fassen – soll ich das mal thematisieren?“ – Nun, wer so fragt, der kommt aus der Nummer nicht mehr raus und so erlebten wir im April 2013 Volker Serfling das erste Mal als Referent mit einem Blick auf die Rolle der Führungskraft aus der Sicht derselben.

Mit seinem Wechsel in die IT-Beratung rückte das Thema Big Data in den Vordergrund und wer konnte bei der Vita das Themen glaubwürdiger vertreten als er? Ein Anruf und wir durften erneut seinen Erfahrungen, Ideen und Zukunftsvisionen, auch aus seinen Erfahrungen als BitKom-Vertreter, lauschen.

Vor kurzem erhielt ich dann den Anruf, dass der konsequente Weg in die Selbständigkeit vollzogen wurde. Nun ist das ein Ausschlusskriterium, um als Teilnehmer unseres Berater-freien Netzwerks real weiter teilzunehmen, aber keines, den Weg weiter miteinander zu gehen. Und wenn sich jemand dann noch solch ein aktuelles Thema wie „Führung im digitalen Zeitalter“ widmet, ist es geradezu ein Muss, die Impulse mindestens virtuell weiterzugeben.

Daher, nach dieser langer Einführung, nun endlich ein paar Fragen und Einschätzungen von Volker Serfling:

management meetings: Lieber Herr Dr. Serfling, nun also die Selbständigkeit. Wie fühlt es sich an?

Volker Serfling: Liebe Frau Zumpe, herzlichen Dank für die liebevollen einleitenden Worte. Die Selbständigkeit hat in mir ganz neue, ungeahnte Energien freigesetzt. Trotz der Tatsache, dass ich in den letzten Jahren als Führungskraft bereits eine ganze Menge Gestaltungsspielräume hatte oder sie mir erschaffen habe, habe ich mich immer wieder gefragt, wer steuert hier eigentlich Deinen Lebensbus – bist Du das wirklich selbst oder gibt es da Chefs, direkte Vorgesetzte oder Peers aus der Matrix, die Dir ins Lenkrad greifen oder auf die Bremse treten. Dieses Gefühl ist nun verschwunden und meine Kunden schätzen – um in dem Bild zu bleiben – die PS, die ich auf die Straße bringe, aber auch die vielen Wege, Abkürzungen und Möglichkeiten, die ich als Unternehmensberater den Kunden aufzeige, um ans Ziel zu kommen.

management meetings: Wie gerne würde ich nun behaupten, dass sich die Kompetenzen von Führungskräften bei all den sich wandelnden Umständen der Digitalisierung nicht verändern, Stichworte: Motivator, Vertrauensperson, Vorbild. Was ändert sich wirklich?

Volker Serfling: Ich glaube es gibt rund 30 Eigenschaften, die eine Führungskraft – mehr oder weniger ausgeprägt – besitzen sollte. Dazu gehören auch die drei von Ihnen genannten. Wenn wir uns nun unsere heutige Arbeitswelt anschauen, dann unterliegt diese, angetrieben durch die rasante Innovationsgeschwindigkeit im Bereich der Informationstechnologie, einem extrem schnellen Wandel. In einer solchen Zeit sind Führungskräfte gefragt, die offen sind für Neues, optimistisch in die Zukunft blicken, eine klare Vision haben und extrem flexibel handeln. Wer jedoch neue, unbekannte Wege beschreitet muss auch bereit sein Fehler zu machen, daher ist eine positive Fehlerkultur, die den Fehler nicht als Versagen, sondern als positive Erfahrung und Wissensgewinn versteht, Basis für eine Führungsqualität, die wir in diesen Zeiten benötigen.

management meetings: Gefühlt jeder Tweet beinhaltet die Hashtags #NewWork, #WoL (Working out Loud), #Agilität. Sie selbst haben bei der DHL ein Projekt agil geleitet, wovon Sie uns bei management meetings im letzten Jahr erzählten. Warum scheint es, dass es fast nicht mehr anders geht als eine Organisation / ein Team / Projekte nach diesen Regeln aufzustellen?

Volker Serfling: Wenn ich mich heute mit meiner Unternehmung oder meinem Team in die ‚Digitale Welt’ begebe, dann muss ich mir als Führungskraft überlegen, wie ich mit den bereits genannten andauernden schnellen Veränderungen umgehe. Die „Command-and-Control“ Strukturen, die bis zum heutigen Tag in den meisten Unternehmen etabliert sind, versagen hier vollständig. Denn die Führungskraft, sei sie noch so intelligent, engagiert und arbeitswütig, wird sehr schnell zum Flaschenhals der Organisation, da sich die Welt zwischen Absetzen des „Commands“ und dem „Control“ bereits verändert hat. Betriebswirtschaftlich ausgedrückt skaliert die Führungskraft nicht mehr mit der wachsenden Dynamik und Komplexität des Marktes. Aus diesem Grund ist es wichtig neue Arbeitsstrukturen einzuführen. Agilität ist hier eine Möglichkeit aber auch Holokratie oder demokratische Verfahren können hier helfen. Während ich das hier sage, höre ich bereits viele Skeptiker „Spinner“, „Träumer“ „das klappt nie“ rufen. Diejenigen verweise ich auf erste sehr erfolgreiche Versuche bei großen Unternehmen wie der „Deutschen Telekom“ und der „Deutschen Bahn“ wo Mitarbeiter ihre Chefs wählen oder Teams vollkommen ohne einen Teamleiter ihre Arbeit eigenverantwortlich organisieren und durchführen.

management meetings: Gibt es Führung in unseren bisher bekannten Vorstellungen überhaupt noch oder wird die Konzentration auf diese zunehmend geringer und ein größeres Augenmerk auf das Team gelegt?

Volker Serfling: Die kleinteilige Arbeitsteilung – bis auf den einzelnen Mitarbeiter herunter – hat angesichts der Komplexität und Dynamik der Arbeit ausgedient. Die Zukunft liegt in interdisziplinären Teams, die schnell Entscheidungen treffen und direkt umsetzen können – idealerweise ohne lange Entscheidungswege durch den Chef und Chef-Chef oder hindernde Organisationsgrenzen. Spätestens jetzt fragt sich die Führungskraft: „Und was mache ich dann noch?“

Meine Antwort auf diese Frage lautet dann immer „Führen!“ und das meine ich ernst. Denn die Führungskraft hat jetzt endlich Zeit sich auf ihre ursprünglichen Aufgaben zu konzentrieren. Um das zu verdeutlichen, nutze ich gerne das Bild des guten Hirten, der sich Gedanken macht, wie er seine Herde zur nächsten Weide führt, wie er den Winter übersteht und wo er den reißenden Bach überquert. Alles strategische und taktische Themen, zu dem viele Führungskräfte heute gar nicht mehr kommen, weil sie viel zu tief im Tagesgeschäft involviert sind, was eigentlich gar nicht ihre Aufgabe und Kompetenz ist. Konkret bedeutet das, dass ich mit dem Team (egal ob Mitarbeiter oder in großen Organisationen selbst wieder Führungskräfte oder Manager) das gemeinsame Ziel vereinbare und die Leitplanken setze, in denen sich das Team bewegen darf und dann in regelmäßigen, kurzgetakteten Meetings – gerne auch „Stand-ups“ – Teamcoaching betreibe und – ganz wichtig – die Hindernisse beseitige, die dem Teamerfolg entgegenstehen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie viel Spaß es macht in einer solchen Konstellation zu arbeiten, wie viel Fahrt ein solches Team aufnehmen kann und wie erfüllend es für eine Führungskraft ist, dem Team die Hindernisse – im agilen Duktus „Impediments“ genannt – aus dem Weg zu räumen und das Team „performen“ zu sehen.

management meetings: Geben Sie noch drei Tipps für die Führungskraft und wie sie sich selbst sehen muss?

Volker Serfling: Nachdem ich das Bild des „guten Hirten“ schon erwähnt hatte, möchte ich einen anderen Aspekt einbringen: Wir haben weltweit einen zunehmenden Bildungsgrad und gleichzeitig zumindest aktuell in Deutschland in weiten Bereichen der Wirtschaft mehr Arbeit als Arbeitnehmer. Der zunehmende Bildungsgrad sorgt bei vielen Menschen dafür, dass sie den Sinn der Arbeit hinterfragen, denn Geld – das wissen wir schon lange – hat als Motivator Nummer eins ausgedient. Bei dem gleichzeitig hohen Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt sollte ich mich als Führungskraft und Arbeitgeber fragen, was biete ich meinen Mitarbeitern in Punkto „sinnstiftender“ und erfüllender Arbeit an. Darüber hinaus sollte ich als Führungskraft demütig sein, solange ich noch Mitarbeiter führen darf, denn „ein Mitarbeiter kommt wegen des Unternehmens und geht sehr oft wegen des Chefs“.

management meetings: Vielen Dank, lieber Herr Dr. Serfling, für diese Antworten, aber auch für die langjährige so motivierende wie konstruktive Begleitung von management meetings und vor allem: Viel Erfolg! Nun freuen wir uns aber erst einmal, dass wir am 07. Dezember 2017, 18 Uhr, Herrn Dr. Serfling noch einmal in unserem Rahmen live zum Thema “Digitale Transformation: Mit voller Kraft ins Unbekannte” lauschen dürfen.

 

Dr. Volker Serfling, d-centurio

Volker Serfling ist seit Mitte 2017 selbständiger Experte für digitale Transformation.

Er studierte Physik in Frankfurt. Nach seiner Promotion 1997 arbeitete er bei der T- Systems / debis Systemhaus Gruppe u.a. als Projektgruppenleiter im Bereich Softwareentwicklungs- und Infrastrukturprojekte. Als Bereichsleiter verantwortete er später die Leitung des Beratungs- und SW-Entwicklungs-Bereichs „Service Process Management“ und trug Personalverantwortung für bis zu 80 Mitarbeiter.

Bei der sd&m AG / CapGemini war Volker Serfling dann als Principal Consultant tätig, bevor er 2009 bei der Deutschen Post DHL zunächst die Position des Abteilungsleiters Filial-IT übernahm und dann als Global IT Director die Leitung einer internationalen IT-Abteilung im Bereich Customer Relationship Managementsysteme verantwortet.

Von Ende 2015 bis Mitte 2017 war er für die greybee GmbH in Frankfurt tätig.

 

 

 

 

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